Mit dem E-Rollstuhl um den Bodensee – Teil 2

Von Marion

Letztes Jahr im September war ich von Ludwigshafen bis Bregenz gefahren. Es war eine schöne und leichte Zeit. Nun habe ich beschlossen, diesen Weg fortzusetzen, denn nach einer halben Umrundung einfach aufzuhören, das geht ja nicht.

Dieses Mal waren die Umstände völlig andere. Die Dinge im Alltag gelangen mir nicht. Ich war traurig. Mir war bewusst, dass ich dem nicht davon rollen konnte.
Kurze Zeit vor dieser Fahrt  war ich zu einer Fortbildung am Ammersee, dort sah ich, wie alles blüht. Dann wieder im Büro sah ich aus dem Fenster und sah wieder, wie alles blüht. Ich musste da raus, jetzt sofort. Völlig überstürzt beantragte ich Urlaub, völlig stolpernd unorganisiert  gelang es noch, das eine und andere abzuschließen, wenn auch in einer Form, einer Art, die weit entfernt war von optimal. Auch die Vorbereitungen waren selbst für meine Verhältnisse erstaunlich schlecht. Immerhin sah ich nach einer Übernachtungsmöglichkeiten für die erste Nacht und  packte ein paar Klamotten, eine Matte und einen Schlafsack ein. Und so ging das dann los.

Im Internet hatte ich mir ein Zug ausgesucht bei dem Stand: „Rampe im Zug“. Ich meldete nichts an, reservierte nichts, fuhr einfach zum Bahnhof. Dass ich ohnehin zu früh dran war, mich dann auch dazu entschied, den von mir auserwählten Zug doch nicht zu nehmen, führte dazu, dass ich ca. zwei Stunden am Bahnhof verbrachte. Aber dann ging es tatsächlich los nach Lindau.

Der Weg von Lindau nach Bregenz war mir bekannt. Dort hatte ich recherchiert, welcher Campingplatz geöffnet hatte. Ich fragte mich bei Leuten, die mir begegneten nach dem Weg durch, und kam tatsächlich an. Dort konnte ich in einem Wohnwagen übernachten. Die  Mitarbeiter hier unterstützten mich gut. So verbrachte ich die erste Nacht also in diesem Wohnwagen.

Ab jetzt war mir mein Weg völlig fremd. Ich hatte keinen Plan, keine Karte. Einige warnten mich, das Wetter sollte umschlagen. Mir wurde angeboten,  den Wohnwagen für eine weitere Nacht für mich zu reservieren. Ich schlug alle Warnungen in den Wind und fuhr weiter. Ich wollte einfach immer am Seeufer entlang fahren. Das war nicht möglich. Begeistert sah ich Wasser, verließ den geteerten Weg, um nah am Wasser fahren zu können. Es war ein sehr schmaler Weg, rechts ging es steil nach unten zum Wasser, links steil nach oben, und überall waren Baumwurzeln. Der Weg führte  nicht weit, ich musste irgendwie zurück. Nun wurde es spannend. Ich stieg aus, um zu sehen wie ich nun da wieder raus kam. Es gelang. Erleichtert kam ich wieder auf den geteerten Weg. Und ach, dieses Wasser war gar nicht der See, sondern der Fluss Ach.

Wie bei meiner ersten Tour war der See nun oft gar nicht mehr zu sehen. Diesmal irritierte mich das sehr.  Auf diesem Wegabschnitt ab Bregenz verlor ich jede Orientierung. In Fussach fragte ich mehrfach nach dem Weg. Irgendwann, also nach Stunden war ich fast wieder in Bregenz. Schließlich kam ich endlich weiter. Nun landete ich in Gaißau. Die Batterie meines Rollstuhls war im bedenklichen Bereich. Ich fragte mich durch nach Unterkünften. Die erste Ferienwohnung war belegt. Mir wurde empfohlen, in einem nahegelegenen Kloster nachzufragen. Jemand begleitete mich dorthin. Es war nun aber Ostern, da war nichts zu machen. Es gab dann noch eine Ferienwohnung, aber auch hier kam ich nicht unter. Nun bekam ich wirklich Angst, denn die Batterie meines Rollstuhls zeigte nur noch wenig Energie an. Nicht weit von dieser Wohnung stand eine Garage offen, und da saßen Leute und unterhielten sich. Ich fuhr da einfach hin,  und erklärte meine Situation. Wir schlossen den Rollstuhl an, und unterhielten uns lange, tauschten ein paar Geschichten aus, aßen etwas zusammen. Nach einiger Zeit suchten wir eine Unterkunft, es wurde ein Hotel über der Grenze, also in der Schweiz in Rheineck. Zu dritt suchten und fanden wir dann das Hotel. Wir verabschiedeten uns.
Irgendwas hatte ich von irgendwem gehört, dass in der Schweiz etwas mit dem Strom anders ist. Und irgendwo hatte ich mal gefragt, ob dort auch 220 V fließen. Ja, die haben da nur andere Steckdosen, in die deutsche Stecker nicht hineinpassen. Aber im Hotel konnte ich mir einen Adapter leihen und meinen Rollstuhl aufladen. Natürlich hatte ich nun keine Franken bei mir. Ich zahlte einfach mit Karte, das war unkompliziert.

Dass ich nun also in der Schweiz war, ohne einen einzigen Franken bei mir zu haben, machte mir wenig Sorgen. Ich ging davon aus, dass das auch mit Euros geht, da ich ja in der Nähe der Grenze im Touristengebiet blieb. Allerdings hatte ich auch kaum noch Euros bei mir. Aber auch da nahm ich an, dass ich schon irgendwo etwas abheben könnte.
Der Weg führte mich nun wieder eine ganze Zeitlang an der Seite von Landstraßen, der See war lange nicht sichtbar. Ich dachte schon, die Schweizer hätten die Wege mit Seeblick alle zugebaut und privatisiert. Aber dann kamen auch hier die Promenaden und die Wege mit Seeblick.

Ich kam schließlich nach Seeheim, wo ein Zimmer für 42,00 Franken angeboten wurde. Da beschloss ich zu bleiben, denn dieser Preis schien mir unschlagbar zu sein. Ohnehin war es kalt und regnete stark, und ich hatte gar keine Lust mehr, weiter zu fahren. Es war nun genau der Ostersonntag gegen 14:00 Uhr. Die Tür war verschlossen. Ich beschloss unterm Dach vor der Tür auf der Treppe zu warten. Dieses Warten lohnte sich. Ich konnte dort also bleiben, und die Dame, die die Zimmer vermietete, hat mich sehr unterstützt, denn bezahlen konnte ich nun nicht, da hier keine Kartenzahlung möglich war. In der Schweiz gibt es keine Stadtsparkassen. Also habe ich auch nichts abgehoben. Mir wurde hier sehr viel Vertrauen geschenkt. Das Geld schickte ich später zu.
Es war ein schöner Abend. Die beiden Damen unterhielten sich mit mir. Am nächsten Morgen gab es ein wunderbares, liebevoll zubereitetes Osterfrühstück.

Die Straßen waren etwas getrocknet, die Sonne blinzelte durch die Wolken, und ich war wieder auf der Suche nach dem Weg zum See. Wider ging es zunächst an Landstraßen entlang, und der Blick zum See war wieder oft verstellt durch Gebäude. Aber dann kamen sie, die Wege vorbei an Promenaden, die Trampelpfade abseits der Touristenzentren und die Ausblicke, die wahnsinnig schön waren. Da stand ich an einem etwas höheren Punkt, konnte den See sehen, und auf dem Grundstück davor eine blühende Magnolie. Überhaupt war es einfach prachtvoll, alles blühte, die Bäume, der Wein, die Blumen in den Gärten und an den Wegrändern. Es war einfach wunderschön.

Ich kam bis Altnau, da war mal wieder die Leistungsgrenze meiner Batterie erreicht. Also steuerte ich ein Hotel an. Die Preise waren in Ordnung, aber hier wollte mich die Hotelleiterin nicht haben. Dass ich sagte, dass ich nicht mehr weit fahren kann, änderte daran nichts. Der Hafen war nicht weit, und ich hatte Glück den Hafenmeister zu treffen. Ich erklärte auch ihm, dass die Rollibatterie leer war. Er holte einen entsprechenden Stecker, und wir schlossen den Rolli an. Dann erzählte ich von diesem Hotel, und dass ich eigentlich auch noch einen Schlafplatz suchte. Er bot mir die Damenumkleidekabine an. Einen Schlafsack und eine Matte hatte ich ja dabei.

Da war sie nun also, die Nacht ohne eine Unterkunft im herkömmlichen Sinn. Wie oft hatte ich es mir ausgemalt, im Freien zu schlafen? Das wäre nun die Gelegenheit gewesen. Und ich bin so froh, diese Gelegenheit nicht ergriffen zu haben, denn es war kalt, windig und regnete stark. Dass ich hier „gekniffen“ habe, war einfach die beste Entscheidung für mich.
Der Hafenmeister gab mir einfach so den Zahlencode für die Tür der Damenumkleide, schrieb vorsorglich einen Zettel, falls der Wachdienst vorbeikommen würde, gab mir seine Telefonnummer, brachte mir zwei Thermoskannen mit heißem Wasser und Getränkepulver. Ein echter Reiseengel. Selten habe ich erlebt, dass mir jemand so respektvoll und gleichzeitig auf eine so einfache und natürliche Weise begegnet. Das war meine Rettung.

Es klopfte. „Guten Morgen, es ist 08:00 Uhr, die Sonne scheint. Darf ich reinkommen?“ Er brachte mir Brot und Wurst. Ich hatte wenig geschlafen, denn immer wenn ich mich bewegte, ging das Licht an. Immerhin weiß ich nun, dass mein Schlafsack auch für kalte Nächte taugt. Ich stand auf und ging das Wagnis ein, hier zu duschen. Diese Umkleidekabine hatte natürlich keine Heizung, aber wie und wann hier warmes Wasser kommt, hatte mir der Hafenmeister erklärt.
Ich packte meine Sachen zusammen. Als ich startklar war, war da keine Sonne mehr, stattdessen hagelte es. Ich beschloss, meinen Aufbruch ein wenig zu verschieben, plauderte noch etwas mit dem Hafenmeister, und startete, als nichts mehr vom Himmel fiel.

Es ging weiter, vorbei an kleinen Gärten, an wildwachsenden Wiesen und hier und da mal holpernd über eine übersehene Baumwurzel. Auf diesem Streckenabschnitt konnte ich nun oft nah am Ufer entlang rollen, hatte also viel Seeblick und wusste manchmal gar nicht, ob ich nun die blühende Seite oder die Seeseite des Weges betrachten sollte. Es war schön.

Ich erreichte Kreuzlingen und dann Konstanz. Es schneite. Eigentlich war ich schon fast bei der Jugendherberge, da packte es mich. Ich stellte einfach fest, dass ich keine Freude mehr an dieser Aktion hatte. So beendete ich diese Reise, wie ich sie begonnen hatte, ungeplant und überstürzt. Es war mir eine Freude, all diese Farben der aufblühenden Natur zu sehen. Und es war mir ebenso eine Freude, wieder in meinen eigenen vier Wänden in der Wärme anzukommen.

Kartoffelkombinat

Von Judith

Ursprünglich aus Interesse an Urbanem Gärtnern besuchte ich Ende 2013 und Anfang 2014 Kurse zum Thema Permakultur. Dort habe ich einiges über diese besondere Form der Landwirtschaft gelernt, bei der der Fokus auf selbstregulierenden, vielfältigen Systemen liegt, die darauf angelegt sind, auf Dauer gute Erträge zu erzielen („permanente Agrikultur„). Wirklich faszinierend finde ich es seither allerdings, das Prinzip der Permakultur „Earth Care, People Care, Fair Share“ (etwa: „Sorge für die Erde, Sorge für die Menschen, Teile gerecht und schränke dich ein“) auf gesellschaftlicher, sozialer oder ökonomischer Ebene umzusetzen, und so eine auf Dauer angelegte (menschliche) Kultur, nachhaltige Lebensweise und respektvollen Umgang miteinander zu erreichen. Beispiele für Konzepte, die ich dort kennengelernt habe sind: Gemeinwohlökonomie, Transition Towns, Wildnispädagogik, Gewaltfreie Kommunikation und Solidarische Landwirtschaft. Vor allem die letzten beiden haben meinen Alltag in den letzten Jahren gewaltig verändert!

Seit Anfang 2014 bin ich Mitglied in der Münchner Genossenschaft „Kartoffelkombinat“. Grundgedanke ist dort wie bei allen Solidarischen Landwirtschaften die Entkopplung der Nahrungsmittelproduktion von den Märkten. Eine Gemeinschaft von Menschen finanziert gemeinsam und im Voraus den Anbau von Gemüse (bei anderen Gruppen gibt es auch tierische Nahrungsmittel), und jede Woche wird die Ernte auf alle Mitglieds-Haushalte verteilt. „Die Lebensmittel verlieren ihren Preis und erhalten so ihren Wert zurück.“ (Wolfgang Stränz, Buschberghof)

Beim Kauf im Supermarkt oder auch im Bioladen bezahle ich für eine bestimmte Menge Gemüse einen Preis. Das Einkommen des Gärtners hängt einerseits davon ab, wieviel vom Kaufpreis der Laden, oder häufiger: der Großhandel an ihn abgibt. Und andererseits davon, wieviel und welche Gemüse wir Verbraucher kaufen. Immer wieder kommt es vor, dass ganze Felder mit erntereifem Gemüse untergepflügt werden, oder Äpfel am Baum bleiben, weil gerade die Nachfrage zu gering ist und die Erntekosten höher wären als der Erlös. Gibt es umgekehrt eine Missernte oder Schädlingsbefall, hat der Landwirt oder Gärtner eine geringere Menge zu verkaufen, oder das Gemüse erfüllt die Bedingungen des Handels nicht mehr: zu klein, mit Flecken oder ähnliches. Wenn ich in so einer Situation Landwirt wäre, ich glaube ich wäre verzweifelt und unsicher, weil ich Wertschätzung und Sicherheit brauchen würde. Und vermutlich würde ich auch eher Strategien wählen, die Sicherheit und (zumindest kurzfristig) hohe Erträge versprechen: chemische Dünger, Pflanzenschutzmittel, Sorten mit hohem und stabilen Ertrag.

Beim Kartoffelkombinat bezahle ich den Gärtner dafür, dass er gut und langfristig für das Land sorgt und eine gute Qualität von Gemüse anbaut. Wenn die Möhren krumm sind, die Kohlrabis gespalten sind oder die Kartoffeln silbrige Flecken haben, kommen die einfach trotzdem in die Kiste – optische „Mängel“ beeinträchtigen den Geschmack schließlich nicht. Durch die kurzen Wege ist das Gemüse sehr frisch. Ohne Marktdruck können auch Sorten angebaut werden, die zwar keinen hohen Ertrag haben, dafür aber viel besser schmecken. Wenn durch plötzliches warmes Frühlingswetter der Salat schnell wächst, gibt es eben öfter Salat. Wenn es viel regnet und die Kartoffeln nicht wachsen, gibt es in dem Jahr eben etwas weniger und kleinere Kartoffeln.

Am Anfang war es für mich schon eine ziemliche Umstellung. Hier das scheinbare Schlaraffenland im Laden mit stets riesiger Auswahl (bis hin zu Erdbeeren und Bohnen im Januar) – dort die scheinbar karge Kiste mit ausschließlich regionalem und saisonalem Gemüse, bei der jemand anders bestimmt, was diese Woche auf meinen Tisch kommt. Ich bin etwas skeptisch und unsicher in die 6-wöchige Testphase gestartet mit dem Gedanken, dass mir Fairness, Achtsamkeit für die Natur und gegenseitige Unterstützung wichtig sind, und ich dafür dann eben Autonomie, Abwechslung und Fülle aufgeben müsse. Nach über drei Jahren sieht es für mich ganz anders aus. Ich bin zufrieden und entspannt, begeistert und dankbar. Meinen Widerstand gegen den vorgegebenen Kisteninhalt habe ich aufgegeben – das ist für mich inzwischen eher Leichtigkeit (ich muss mich nicht ständig entscheiden, was ich kaufe) und manchmal sogar Abenteuer (schon mal Agretti gegessen?). Ich mag viel mehr Gemüse-Arten als früher, habe kreative Wege gefunden, z.B. Rote Beete, Pastinaken, Topinambur, Schwarzwurzeln zu verarbeiten und sogar zu genießen. Ich fühle mich viel mehr mit der Natur verbunden und mit dem, was gerade draußen passiert.

Regelmäßig gibt es auch die (freiwillige) Möglichkeit, beim Packen der Ernteanteile oder beim Anbau selbst mitzumachen, bei gemeinsamen Festen zu feiern, und so die Gemeinschaft zu leben. Einmal im Monat gibt es bei der Kartoffelakademie – offen und kostenlos auch für Nicht-Mitglieder –  interessante Vorträge zu verschiedenen Themen, z.B. Demokratie, Inklusion, Wildpflanzen,… Am 12.05. mache ich dort einen interaktiven Vortrag über Gewaltfreie Kommunikation.  http://kartoffelkombinat-ev.de/blog/category/kartoffelakademie/

https://www.kartoffelkombinat.de/blog/mitmachen/ – Solidarische Landwirtschaft in München, es werden aktuell auch noch neue Mitglieder gesucht
http://www.solidarische-landwirtschaft.org – allgemeine Informationen zum Konzept, zur Gründung
https://ernte-teilen.org/ – Verzeichnis von Solidarischen Landwirtschaften in ganz Deutschland

Viele Grüße,
Judith