Kartoffelkombinat

Von Judith

Ursprünglich aus Interesse an Urbanem Gärtnern besuchte ich Ende 2013 und Anfang 2014 Kurse zum Thema Permakultur. Dort habe ich einiges über diese besondere Form der Landwirtschaft gelernt, bei der der Fokus auf selbstregulierenden, vielfältigen Systemen liegt, die darauf angelegt sind, auf Dauer gute Erträge zu erzielen („permanente Agrikultur„). Wirklich faszinierend finde ich es seither allerdings, das Prinzip der Permakultur „Earth Care, People Care, Fair Share“ (etwa: „Sorge für die Erde, Sorge für die Menschen, Teile gerecht und schränke dich ein“) auf gesellschaftlicher, sozialer oder ökonomischer Ebene umzusetzen, und so eine auf Dauer angelegte (menschliche) Kultur, nachhaltige Lebensweise und respektvollen Umgang miteinander zu erreichen. Beispiele für Konzepte, die ich dort kennengelernt habe sind: Gemeinwohlökonomie, Transition Towns, Wildnispädagogik, Gewaltfreie Kommunikation und Solidarische Landwirtschaft. Vor allem die letzten beiden haben meinen Alltag in den letzten Jahren gewaltig verändert!

Seit Anfang 2014 bin ich Mitglied in der Münchner Genossenschaft „Kartoffelkombinat“. Grundgedanke ist dort wie bei allen Solidarischen Landwirtschaften die Entkopplung der Nahrungsmittelproduktion von den Märkten. Eine Gemeinschaft von Menschen finanziert gemeinsam und im Voraus den Anbau von Gemüse (bei anderen Gruppen gibt es auch tierische Nahrungsmittel), und jede Woche wird die Ernte auf alle Mitglieds-Haushalte verteilt. „Die Lebensmittel verlieren ihren Preis und erhalten so ihren Wert zurück.“ (Wolfgang Stränz, Buschberghof)

Beim Kauf im Supermarkt oder auch im Bioladen bezahle ich für eine bestimmte Menge Gemüse einen Preis. Das Einkommen des Gärtners hängt einerseits davon ab, wieviel vom Kaufpreis der Laden, oder häufiger: der Großhandel an ihn abgibt. Und andererseits davon, wieviel und welche Gemüse wir Verbraucher kaufen. Immer wieder kommt es vor, dass ganze Felder mit erntereifem Gemüse untergepflügt werden, oder Äpfel am Baum bleiben, weil gerade die Nachfrage zu gering ist und die Erntekosten höher wären als der Erlös. Gibt es umgekehrt eine Missernte oder Schädlingsbefall, hat der Landwirt oder Gärtner eine geringere Menge zu verkaufen, oder das Gemüse erfüllt die Bedingungen des Handels nicht mehr: zu klein, mit Flecken oder ähnliches. Wenn ich in so einer Situation Landwirt wäre, ich glaube ich wäre verzweifelt und unsicher, weil ich Wertschätzung und Sicherheit brauchen würde. Und vermutlich würde ich auch eher Strategien wählen, die Sicherheit und (zumindest kurzfristig) hohe Erträge versprechen: chemische Dünger, Pflanzenschutzmittel, Sorten mit hohem und stabilen Ertrag.

Beim Kartoffelkombinat bezahle ich den Gärtner dafür, dass er gut und langfristig für das Land sorgt und eine gute Qualität von Gemüse anbaut. Wenn die Möhren krumm sind, die Kohlrabis gespalten sind oder die Kartoffeln silbrige Flecken haben, kommen die einfach trotzdem in die Kiste – optische „Mängel“ beeinträchtigen den Geschmack schließlich nicht. Durch die kurzen Wege ist das Gemüse sehr frisch. Ohne Marktdruck können auch Sorten angebaut werden, die zwar keinen hohen Ertrag haben, dafür aber viel besser schmecken. Wenn durch plötzliches warmes Frühlingswetter der Salat schnell wächst, gibt es eben öfter Salat. Wenn es viel regnet und die Kartoffeln nicht wachsen, gibt es in dem Jahr eben etwas weniger und kleinere Kartoffeln.

Am Anfang war es für mich schon eine ziemliche Umstellung. Hier das scheinbare Schlaraffenland im Laden mit stets riesiger Auswahl (bis hin zu Erdbeeren und Bohnen im Januar) – dort die scheinbar karge Kiste mit ausschließlich regionalem und saisonalem Gemüse, bei der jemand anders bestimmt, was diese Woche auf meinen Tisch kommt. Ich bin etwas skeptisch und unsicher in die 6-wöchige Testphase gestartet mit dem Gedanken, dass mir Fairness, Achtsamkeit für die Natur und gegenseitige Unterstützung wichtig sind, und ich dafür dann eben Autonomie, Abwechslung und Fülle aufgeben müsse. Nach über drei Jahren sieht es für mich ganz anders aus. Ich bin zufrieden und entspannt, begeistert und dankbar. Meinen Widerstand gegen den vorgegebenen Kisteninhalt habe ich aufgegeben – das ist für mich inzwischen eher Leichtigkeit (ich muss mich nicht ständig entscheiden, was ich kaufe) und manchmal sogar Abenteuer (schon mal Agretti gegessen?). Ich mag viel mehr Gemüse-Arten als früher, habe kreative Wege gefunden, z.B. Rote Beete, Pastinaken, Topinambur, Schwarzwurzeln zu verarbeiten und sogar zu genießen. Ich fühle mich viel mehr mit der Natur verbunden und mit dem, was gerade draußen passiert.

Regelmäßig gibt es auch die (freiwillige) Möglichkeit, beim Packen der Ernteanteile oder beim Anbau selbst mitzumachen, bei gemeinsamen Festen zu feiern, und so die Gemeinschaft zu leben. Einmal im Monat gibt es bei der Kartoffelakademie – offen und kostenlos auch für Nicht-Mitglieder –  interessante Vorträge zu verschiedenen Themen, z.B. Demokratie, Inklusion, Wildpflanzen,… Am 12.05. mache ich dort einen interaktiven Vortrag über Gewaltfreie Kommunikation.  http://kartoffelkombinat-ev.de/blog/category/kartoffelakademie/

https://www.kartoffelkombinat.de/blog/mitmachen/ – Solidarische Landwirtschaft in München, es werden aktuell auch noch neue Mitglieder gesucht
http://www.solidarische-landwirtschaft.org – allgemeine Informationen zum Konzept, zur Gründung
https://ernte-teilen.org/ – Verzeichnis von Solidarischen Landwirtschaften in ganz Deutschland

Viele Grüße,
Judith